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Nr. 56 Sommer 2000
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Das Zen des Glücks in uns. Das 3. Buch von Peter Steiner
 

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  SPUREN Archiv Ausgabe Nr. 56 Sommer 2000
 
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Magie über die Haut
Uralt ist der Brauch, einen geweihten Gegenstand auf sich zu tragen und sich so mit Naturkräften zu verbinden. Früher waren die Amulette aus Metall und Magie, heute sind es meist Halbedelsteine.
Von Simone Widauer

Das wichtigste Erkennungsmerkmal des früher als «Anhängsel» bezeichneten Amuletts ist, dass man es bei sich trägt. Der Besitzer erhofft sich von seinem Amulett eine weit über die rein mechanische Präsenz hinausgehende Wirkung. Die Eigenart des Materials soll sich am besten übertragen, wenn das Amulett möglichst nah der Haut angebracht wird. Schon die berühmte Mystikerin und Äbtissin Hildegard von Bingen (1098-1179) empfahl: «Wenn daher ein Mensch diesen Chalzedon bei sich hat, dann trage er ihn so, dass er seine Haut berührt, ja dass er auf einer Ader der Haut liegt. Dann nimmt diese Ader und das Blut seine Wärme und seine Kraft auf, und sie geben diese Kräfte an die anderen Adern und das übrige Blut ab.» (zitiert aus: Heinrich Schipperges: Geheimnisvoller Edelstein, Symbol der Heilkraft bei Hildegard von Bingen, Freiburg 1997)
Die von Hildegard von Bingen so anschaulich beschriebene Übertragungsmagie ist von grosser Bedeutung. Solche Erklärungen für die Wirkung von Amuletten finden sich in der Volksmedizin noch bis ins 19. Jahrhundert und in der Vorstellung vieler Menschen leben sie bis heute weiter. Zahlreiche religiöse Riten wie die Wassertaufe, das Berühren bei der Segnung oder alte Fruchtbarkeitsriten, wie das Bewerfen eines Brautpaares mit Reis, stehen in ihrer Tradition. Auch der geläufige Ausdruck vom «Holz anfassen», bei dem schädliche Einflüsse abgeleitet werden sollen, basiert auf diesem Glauben.

Zweite Seele im Türkis
Das Amulett soll beim Tragen etwas von seiner Wirkung abgeben; umgekehrt kann es sich auch mit der Schwingung des Benutzers aufladen. Besonders deutlich stellen diesen Prozess Steine dar, die durch das Tragen die Farbe wechseln, etwa der Türkis, der von Blau zu Hellgrün ändern kann. In Tibet glaubt man, dass dieser Stein der Sitz der Schattenseele ist, des «La». Die Schattenseele ist zwar eng mit dem Körper verbunden, kann ihn aber, etwa bei einem grossen Schrecken, zeitweilig verlassen und dann umherirren. Der Mensch erkrankt daraufhin oder muss sogar sterben. Eine solche Seele ist den Angriffen anderer Geister ausgesetzt und muss mit Hilfe eines geschulten Mönchs zurückgeholt werden. Nach der so genannten «La-Gug»-Zeremonie, bei der die Seele zurückgeholt wird, kann der Türkis, sei es als Ring oder sonstiger Schmuck, als Träger der Schattenseele wieder angesteckt werden. (Christoph Baumer: Bön, Die lebendige Ur-Religion Tibets, Graz 1999)
Auf Grund der vermuteten Eigenschaft der Steine, nicht nur Energie abzugeben, sondern auch aufzunehmen, gilt allgemein, dass man Amulettsteine oder auch Halbedelsteine regelmässig in fliessendem Wasser reinigt und, wenn möglich, im Sonnenlicht wieder auflädt.
Die Wurzeln des Amulettgebrauchs verlieren sich in so genannt grauer Vorzeit. Sie sind eine wichtige fassbare materielle Quelle, die Rückschlüsse auf das Weltbild des frühzeitlichen Menschen erlauben. Die enge Verbindung der Menschen mit den verschiedenen Reichen der Natur führte selbstverständlich dazu, dass man versuchte, sich mit ihren Kräften zu verbinden und diese für sich zu nutzen. Man bewunderte zum Beispiel die spezielle Fähigkeit des Maulwurfs, im Dunkeln zu sehen und komplizierte Bauten zu graben. Deshalb waren Maulwurfspfoten beliebte Amulette für die Steigerung der Sicht, was vor allem nachts entscheidend sein konnte.
Eine alte Zauberpflanze ist der Rainfarn (Tanacetum vulgare). Seine Kraft, gegen Verwesung zu schützen, machte ihn zu einem Symbol der Unsterblichkeit. Seine segensspendenden Eigenschaften wurden vor allem zum Schutze der kleinen Kinder und der Frauen im Kindbett verwendet. Die stark duftende Pflanze wurde auch für Räucherungen verwendet oder als Kräuterbüschel im Zimmer aufgehängt.
In prähistorischen Gräbern gefundener Bernsteinschmuck ist ein Zeugnis dafür, dass bereits unsere frühesten Vorfahren besondere Materialien sammelten und sich damit schmückten. Den Eigenarten von Tieren, Pflanzen und Steinen wurde grösste Wertschätzung beigemessen. Sich mit ihnen zu vereinen, bedeutete einen persönlichen Kräftezuwachs.
Dass wir heute keine Maulwurfspfoten mehr mit uns herumtragen, hat vielleicht vor allem damit zu tun, dass wir elektrisches Licht besitzen, und weniger damit, dass wir in unserer dem Rationalen verpflichteten Welt die Wirksamkeit von Amuletten bezweifeln. Nach wie vor ist das Bedürfnis stark, eine direkte Verbindung mit der Natur herzustellen und sich als Teil eines grossen Ganzen zu fühlen, stark. Damit sind auch Amulette wieder gefragt. Ob man nun einen Rosenquarz im Hosensack mit sich herumträgt oder einen Anhänger in Form eines Schutzengels: Solche Objekte werden zu einem Teil der Persönlichkeit und helfen, den Alltag zu meistern und zu bereichern.

Tropfen vom Himmel
Für den Amulettgebrauch haben bis heute die halbedlen und edlen Steine die weitaus grösste Bedeutung. Edelsteine werden als Boten himmlischer Herkunft, als Träger geheimnisvoller Kräfte, wahrgenommen. Schon die antike Naturwissenschaft und vor ihr die babylonische Kultur brachten die Edelsteine und Halbedelsteine mit den Sternen in Zusammenhang und machten sie so zu wichtigen Elementen ihres Weltbildes. Die mittelalterlichen Steinbücher, die Lapidarien, nahmen das Wissen der alten Naturforscher auf. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die christliche Deutung der Edelsteine hauptsächlich zurückgeht auf Aristoteles, Theophrastus, Damigeron und Plinius.
Edelsteine werden in den biblischen Texten herangezogen, wenn es sich um Beschreibungen des Himmels und des Göttlichen dreht. Die Apokalypse des Johannes schildert die Mauern des himmlischen Jerusalem als aus zwölf Edelsteinen bestehend (Apok. 21, 17-20). Der Thron Gottes wird bei Ezechiel (1, 26), Tobias (13, 16), Jesaias (54, 12) und in der Offenbarung des Johannes (4, 2-3) als aus Saphir, Smaragd und Rubin bestehend beschrieben. Sogar Gott selbst wird in der Sprache der Edelsteine beschrieben: «Und der da sass war anzusehen gleich wie der Stein Jaspis und Sarder.» Vor dem Thron liegt ein Kristallmeer. Dieser kristalline, lichterfüllte Raum zwischen Himmel und Erde, die so genannten Sphären, werden in den Abhandlungen von Pseudo-Dionysius Areopagita (Ende fünftes Jahrhundert) als Aufenthaltsort der Engelshierarchien vorgestellt.
Auch im 17. Jahrhundert, als in den fürstlichen Wunderkammern beachtliche Mineraliensammlungen angelegt wurden, galten Steine sowohl als Träger magischer Wunderkräfte als auch als Symbole der göttlichen Ordnung und als Spiegel des Universums. Von Rudolf II., dem Begründer der berühmten Prager Kunst- und Wunderkammer, heisst es: «Der Kaiser sei ihnen (den edlen und halbedlen Steinen) nicht deshalb so zugetan, um mit ihrer Hilfe die eigene Würde und Majestät zu zeigen, sondern um in den edlen Steinen die Grösse und unsagbare Macht Gottes, der in so winzigen Körperchen die Schönheit der ganzen Welt vereinigt und die Kräfte aller anderen Dinge eingeschlossen zu haben scheint, zu betrachten, um einen gewissen Abglanz des Schimmers der Göttlichkeit immerdar vor Augen zu haben.»
Vielleicht ist die wohltuende Wirkung der Halbedelsteine und Edelsteine tatsächlich auf eine geheimnisvolle Alchemie zurückzuführen, die den Betrachter angesichts der Vollkommenheit des Steins zu seinem eigenen «edlen» Kern führt.

Hartes Veilchen
Die weite Verbreitung von Amuletten in den vergangenen Jahrhunderten ist zu einem grossen Teil darauf zurückzuführen, dass man sie als Schutz, gleich einer unsichtbaren Rüstung, getragen hat. Bei den edlen Steinen fühlte man sich durch die Verbindung mit dem Himmel und dem Göttlichen vor dämonischen Einflüssen sicher. Die Angst vor Krankheitsdämonen, vor Dämonen, die Albträume auslösen konnten (Alb oder Trud), und all den anderen Vertretern des Schattenreichs, war omnipräsent. Ausserdem fürchtete man sich vor dem «bösen Blick» missgünstiger oder zauberkundiger Menschen. Dem bösen Blick sind vor allem kleine Kinder ausgesetzt, so die Vorstellung in Mittelmeerländern und im arabischen Kulturraum. Die Bedrohten werden vorzugsweise mit einem Amulett aus roter Koralle geschützt, das als die wirksamste Massnahme gegen den bösen Blick gilt. Auch Augenamulette, meist aus farbigem Glas hergestellt, sind beliebte «Blickableiter».
Die Gründe, die in unseren Breitengraden heute dazu beitragen, dass sich der Gebrauch von Amuletten wieder verbreitet, sind anderer Art. Im Vordergrund steht nicht mehr in erster Linie die Angst vor schädlichen äusseren Einflüssen. Wünsche wie Kräftigung, Heilung oder das Bedürfnis, mit einem besonderen Naturobjekt in Verbindung zu stehen, dominieren. Das Tragen eines Amuletts kann natürlich auch religiöse Gründe haben. Das schützende Kreuz im Christentum, die schützende Hand der Fatima im Islam oder der Skarabäus im alten Ägypten wirken durch das religiöse Symbol ihrer Form und nicht durch ihr Material. Was aber macht ein bestimmtes Material, zum Beispiel den Amethysten, zu einem Helfer für den Menschen? Rein äusserlich gehört dieser aussergewöhnlich schöne, durchscheinende Stein zur Quarzgruppe. Er weist eine von hellem Lila bis dunklem Violett reichende Farbpalette auf. Heute kommt er vor allem in Brasilien vor.
Violett gilt in der Farbsymbolik als Farbe des Übergangs. Es ist eine ambivalente Farbe, die sowohl Leben wie auch Tod beinhaltet. In ihrem Buch über Farben, in dem die Wirkungen der Farbschwingungen auf den Menschen sehr anschaulich dargelegt werden, zitiert Ingrid Riedel ein Gedicht von Nelly Sachs, das diese Kraft zur Wandlung und gleichzeitige Melancholie thematisiert:

«In diesem Amethyst
sind die Zeitalter der Nacht gelagert
und eine frühe Lichtintelligenz
zündete die Schwermut an
die war noch flüssig
und weinte
Immer noch glänzt dein Sterben
Hartes Veilchen»
(Nelly Sachs: Fahrt ins Staublose, Frankfurt 1961)

Der Amethyst, der früher im Ruf stand, vor Trunkenheit zu schützen, worauf auch sein Name anspielt (griechisch «amethyein» heisst soviel wie «nicht betrunken»), wird heute aus vielfältigen Gründen verwendet. Viele der Bereiche, in denen Amethysten zur Anwendung gelangen, haben mit den Zuordnungen der Farbsymbolik zu tun. Der Amethyst gehört, zusammengefasst, in den Symbolbereich der Wandlung, der Sublimierung. So sagt man ihm nach, dass er Menschen hilft, die ihre psychischen Fähigkeiten entwickeln wollen und dass er auch Träume und Inspiration fördert. Als Meditationsstein soll der Amethyst sehr geeignet sein.

Geheimnis der Wirkung
Im Bereich der Lithotherapie, des speziellen Zweiges der Heilkunde, in dem Halbedelsteine und Edelsteine verwendet werden, wird dem Amethysten vorwiegend die Linderung von Kopfschmerzen und Neuralgien zugeordnet. Es scheint, dass das Wissen um präzise Anwendungsgebiete der Steine auf Erfahrungswerten basiert, die von Heilkundigen weitergegeben werden. Dass eine Wirksamkeit besteht, das bezeugen viele Anwender und auch Heilkundige.
Wie dies auch bei anderen alternativen Heilmethoden der Fall ist, bleibt der Wirkungsvorgang vorerst ein Geheimnis. Wichtig für den Bereich der Lithotherapie sind Energieströme im Körper, wie sie die Chakren darstellen, wobei die Edelsteine direkt aufgelegt oder auf die betreffenden Stellen gerichtet werden. Dabei wird nicht nur die Aura und die mit dem Chakra verbundene Qualität gestärkt und geheilt, sondern auch die Funktion des Chakras und die Organe selbst.
Neben dem Amethysten und dem Rosenquarz werden in der Lithotherapie in erster Linie Bergkristalle verwendet. Der Bergkristall soll ausserdem die Fähigkeit haben, undichte Stellen in der Aura zu schliessen. Das bedingt, dass ein Heiler oder eine Heilerin diese Stelle erkennt und mit dem Kristall mehrmals darüber streicht. Bei körperlichen Beschwerden wird gleich verfahren, ausser dass hier selbst Hand angelegt werden kann. Es existieren zahlreiche Ratgeber zum Thema «Heilen mit Steinen», die sich inhaltlich über weite Strecken einig sind.
Bei der Auswahl eines persönlichen Amulettsteines gilt es, seine Intuition walten zu lassen. Was einem spontan anzieht, ist oft richtig. Eine Vorgehensweise kann dabei sein, dass man mit geschlossenen Augen die Hand über verschiedene Steine schweben lässt, bis man spürt, dass einen eine Energiefrequenz anzieht. Die Bedürfnisse können sich natürlich ändern in dem Sinne, dass man die spezielle Qualität eines Steines plötzlich nicht mehr braucht. Hat man aber einen Stein gefunden, der einem im Moment «zugezwinkert» hat, so markiert dieses Erlebnis oftmals den Beginn einer langen Freundschaft.

Simone Widauer studierte Kunstgeschichte, Geschichte des Mittelalters und vergleichende Religionswissenschaften. Als Kuratorin zeichnete sie 1996 verantwortlich für die Ausstellung «Vom Geheimnis der Amulette und Talismane» im Pharmaziehistorischen Museum Basel.


Autor: Simone Widauer | Profil
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